„Die
Erinnerungen an den Kalmenhof sind immer in mir“
Lesung auf der
Veranstaltung in Idstein am 9. Juni 2006
Klaus Lehning,
Landeswohlfahrtverband Hessen: “Herr
Wensierski, ich würde Sie ums Wort bitten. Wir haben uns vor zwei
Jahren hier auf dem Kalmenhof kennen gelernt, da war das Buch im
Entstehen, jetzt ist es da.”
Peter
Wensierski: Vorweg ein, zwei
Sätze zur Entstehungsgeschichte des Buches. Es war so: da gab
es diesen irischen Spielfilm über die Situation in irischen
Mädchenheimen in den deutschen Kinos vor ein paar Jahren und eine
Leserin aus Paderborn, Gisela Nurthen, rief mich an und fragte
danach. So sind wir ins Gespräch gekommen, denn sie erzählte mir,
sie habe dasselbe in Deutschland erlebt, im Dortmunder Vincenzheim
bei den „Barmherzigen Schwestern“. Daraufhin entstand ein
Zeitungsartikel im SPIEGEL Heft 21/2003 und ich bekam in den Wochen
danach fast 500 Zuschriften. Ich merkte, hier im Lande ist das
Problem vielleicht noch größer als in Irland ! Die Briefe kamen
überwiegend aus Westdeutschland, einige aus dem Ausland. Die
Menschen waren früher in den unterschiedlichsten Heimen gewesen und
sie berichteten ziemlich viele schreckliche Dinge, die aber alle sehr
ähnlich waren. Daher dachten wir in der SPIEGEL-Redaktion, dass man
es nicht bei einem Zeitungsartikel belassen kann und so entstand das
Buch.
Der
Anstoß kam von den Heimkindern im Lande selbst. Denn wir reden ja
nicht über ein historisches Problem! Es gibt wirklich Tausende von
Menschen, die diese Zeit in ihrem Inneren verschlossen hatten, die,
wenn überhaupt, bisher vielleicht nur in ihrem engsten Umkreis
darüber geredet haben, nun aber, 30 Jahre nach den Geschehnissen,
endlich darüber Öffentlichkeit herstellen wollen, um so ihre
Probleme zumindest ansatzweise lösen zu können nach
jahrzehntelangem Schweigen und Verdrängen.
ch
lese Ihnen ein – auf 20 Minuten – gekürztes Kapitel über den
Kalmenhof vor. Bei der Recherche für dieses Buchkapitel hat mich
hier in Idstein besonders interessiert, wie sogar die Ermordung von
Kindern im Kalmenhof vergessen werden konnte. Sicher, das Schicksal
der Heimkinder ist nach 1970, nach den Apo-Aktionen, die es vor allem
hier in Hessen gab, aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit in der
Bundesrepublik verschwunden. Aber wie konnte es im Kalmenhof und in
Idstein in den 50-er, 60-er und 70-er Jahre vergessen werden, dass
hier bis 1945 Kinder umgebracht wurden? Wo es doch nach dem Krieg
öffentliche Prozesse gegen die Verantwortlichen gegeben hatte? Und
welchen Preis hatte das Verdängen der Verbrechen der Nazizeit, die
Übernahme von Erziehern, die den Namen nicht verdienen, die
Fortdauer einer unbarmherzigen Erziehung zu Zucht und Ordnung, die
mangelnde Kontrolle des Staates und das wehrlose
Ausgeliefertsein ganzer Generationen von Fürsorgezöglingen? Diesen
Fragen bin ich bei meinen Recherchen etwas nachgegangen und aus den
aufgeschriebenen Erfahrungen möchte ich Ihnen ganz kurz etwas
vorlesen:
Zum
Kalmenhof gehörte eine ehemalige Staatsdomäne, der Hof Gassenbach
mit über 700 ha. Er wurde zu einem erheblichen Teil von Zöglingen
bewirtschaftet, selbst die jüngsten Kinder mussten mithelfen.
Während der Kartoffelernte arbeiteten 14j-ährige sozusagen im
Akkord auf den Feldern und mancher, der nicht schnell genug war,
wurde schon mal mit dem Stock geprügelt. Auf dem Landgut gab es eine
Milchküche, in der Melkbuben schon um 4 Uhr früh mit der Arbeit
beginnen mussten. Es gab Kuh- und Schweineställe, Gärtnereien,
Zuchtställe und einen Kartoffelbetrieb, in dem für die Großküche
des Heimes zentnerweise Kartoffeln vorbereitet wurden, auch von
Kindern. Hier rackerte z. B. Ende der 50-er Jahre ein Heinz-Peter
Junge für insgesamt fünf Jahre. Er gehörte zur Hofkolonne, die
früh um sechs aufstehen musste, einen Becher Kaffee bekam und
anschließend militärisch in Zweierreihen angetreten zur Arbeit
eingeteilt wurde, die dann in der Regel bis zum Abend dauerte.
Die
Kalmenhof-Zöglinge dienten als billige Arbeitskräfte auch bei
Idsteiner Bürgern über viele Jahrzehnte. Sie kehrten die Straßen,
gruben Gärten um und trugen Kohlensäcke aus. Der Lohn war oft nur 1
Mark. Auch Industriebetriebe und Geschäfte hier in der Gegend
stellten Heimkinder ein. Von den 3 Mark Stundenlohn blieben den
Kindern aber nur 1 Mark und 20 Pfennig, alles andere kassierte das
Heim. Arbeiten mussten die Kinder auch im Wald für die Försterei,
Direktor Alfred Göschel ließ sogar einen Fischteich ausheben,
dessen eifrigster Nutzer er selbst war. Die für das Heim
verantwortlichen Herren vom Landeswohlfahrtsverband aus Kassel
besuchten den Kalmenhof sehr oft und bekamen stets eine heile Welt
präsentiert. Die Heimdirektoren betrieben eifrige Fassadenpflege mit
Führung durch das weitläufige Heimgelände auf akkurat geharkten
Wegen, vorbei an gepflegten Blumenrabatten. Das jährliche Sommerfest
hinterließ bei den Besuchern aus Idstein und Kassel stets den
Eindruck, dass hier die Kinder auf’s Beste gefördert würden. Auch
wenn die Eltern ihre Kinder besuchten, wurden diese besonders fein
hergerichtet, während sie sonst oft Anstaltskleidung trugen.
Warum
Volker aus Kassel überhaupt ins Heim gekommen ist, weiß er bis
heute nicht. Inzwischen ist er über 50 Jahre alt und kann sich aber
noch genau an jenen Nachmittag erinnern, als er mit seinem Freund
gerade auf dem Spielplatz nahe seinem Elternhaus herumtollte. Ein
VW-Bus fuhr plötzlich direkt bis an den Sandkasten heran. Eine Frau
stieg aus und versprach ihm zwei Eis, wenn er nur brav mitfahren
würde. Sie behauptete, von seiner Mutter geschickt worden zu sein.
Die Frau machte mit dem Siebenjährigen nur einen kurzen
Zwischenstopp zu Hause, um dort den bereits gepackten Koffer
abzuholen. Seine Mutter kam zwar herunter zum Auto, schob kurz die
Tür auf und sagte zu ihm, sie komme gleich wieder. Sie kam aber
nicht mehr zurück.
Der
Wagen fuhr von Kassel bis Idstein und Volker erhielt auf der Fahrt
wie versprochen zwei Mal ein Eis. Im Kalmenhof stieg der kleine Junge
aus. Man brachte ihn in den Schlafsaal des Bubenhauses. So, sagte der
Erzieher, der ihn in Empfang genommen hatte, das ist von jetzt an
dein Bett. Volker saß auf der karierten Bettdecke, allein in einem
riesigen Schlafsaal. Die Zeit verging und niemand kümmerte sich um
ihn. Es wurde dunkel, man hatte ihn einfach vergessen, zum Abendessen
abzuholen. In seiner ersten Nacht im Kinderheim nässte er sein Bett
ein. Der Erzieher, der am nächsten Morgen um halb sieben die Kinder
weckte, schimpfte und brachte ihm eine neue Matratze. Die anderen
Kinder verließen den Schlafsaal um frühstücken zu gehen. Er musste
im Zimmer bleiben bis zum späten Vormittag. Da kam ein anderer
Erzieher, der sagte „Jetzt müssen wir dir die Haare schneiden,
wenn ich rufe, kommst du raus“. Im langen Flur stand ein Stuhl. „Da
setz dich hin, damit wir schneiden können“. Volker wollte nicht,
er hatte Angst vor der laut surrenden Haarschneidemaschine. Ein
zweiter Erzieher kam, der drückte ihn auf den Stuhl und hielt ihn
fest. Der andere begann, den Jungen mit dem elektrischen
Haarschneider zu scheren. Volker wehrte sich, schüttelte seinen
Kopf, versuchte sich vom Stuhl zu winden. Ein dritter Erzieher kam,
der drehte ihm die Arme nach hinten, der Zweite hielt seinen Kopf an
den Ohren fest. Der Frisör schor die langen schwarzen Haare, auf die
der Junge so stolz gewesen war. Er verpasste ihm einen Fassonschnitt,
wie ihn alle hier trugen.
Man
schrieb das Jahr 1963, US-Präsident John F. Kennedy besuchte Berlin,
die Beatles brachten ihr erstes Album heraus, die Russen schickten
die erste Frau ins All, in England wurde ein Postzug ausgeraubt,
Kassettenrecorder lösten das Tonband ab, „Winnetou“ feierte
Premiere in den deutschen Kinos, James Bond schickte „Liebesgrüße
aus Moskau“ und Martin Luther King hielt seine berühmte Rede „I
have a dream“. In den Kalmenhof drang davon wenig.
Das
Regime der Erzieher sah demütigende Bestrafungen vor den Augen aller
anderen vor. Die Kinder sollten miterleben, was ihnen drohte, wenn
sie ungehorsam waren. Niemand wollte einen Fehler machen, doch das
war kaum möglich. Ein Fehler war schon, wenn man am Frühstückstisch
ein Brot herunterfallen ließ. Jedes Mal, wenn Volker ein
Marmeladenbrot aus der Hand gerutscht war, wurde ihm auf den
Hinterkopf geschlagen. „Das hebst du sofort auf und hinterher putzt
du den Boden!“ Den ganzen Boden.
Wer
beim Beten durch noch so leises Kichern gestört hatte, bekam
manchmal gar nichts mehr zu essen, musste aber zwischen den anderen,
die aßen, sitzen bleiben. Fiel einem Kind Kartoffelsalat herunter,
kam es auch schon mal zu Gespött aller diesen vom Boden essen
musste. Auch wenn im Aufenthaltsraum gespielt wurde, hatte dies nur
auf dem Tisch zu geschehen. Es durfte selbst beim Spielen nichts
herunterfallen. Michael Fritz, mit Volker zu gleichen Zeit im
Bubenhaus, weil sein Vater gestorben war, bekam die Rache einer
Erzieherin zu spüren, zu der der 10-jährige angeblich zu frech
gewesen war. Kurz darauf fand er auf seinem Bett das Einzige, was er
von zu Hause hatte behalten dürfen, einen Teddy vollkommen
zerstückelt vor, die Arme und Beine waren abgeschnitten.
Die
Erzieher quälten Kinder gerne an Orten, wo es keine Zeugen gab. Dazu
gehörten die Duschen im Keller. Sie waren bei den Kindern verhasst.
Die Erzieher konnten über kalt und heiß bestimmen. Manche machten
sich einen Spaß daraus, das Wasser viel zu heiß zu stellen, so dass
die Kinder schrieen. Andere Aufseher ließen die Kinder im Keller zur
Strafe kalt duschen und so lange frierend stehen, bis sie zitterten.
Einige Erzieher betranken sich oft und waren dann noch
unkontrollierter als sonst. Sie saßen dann abends in der Küche im
Aufenthaltsraum und die Kinder hörten bis in den dritten Stock
hinauf grölen.
Volker
schlief schon, als einmal mitten in der Nacht im Schlafraum das Licht
angeknipst wurde. Ein Erzieher, vor dem viele Kinder große Angst
hatten, kam herein, trat vor das erstbeste Bett. „Aufstehen!“ Der
Junge, er hieß Heinz, hatte sich noch nicht erhoben, da traf ihn
schon ein Schlag ins Gesicht. Geht das nicht schneller? Heinz hatte
beide Hände wie einen Schild über seinen Kopf erhoben und schwieg.
„Sonst noch jemand einen Gute-Nacht-Kuss?“
Gewaltausbrüche
der Erzieher, die sich kurz zuvor noch nett gegeben hatten, gab es
immer wieder. Ein gewisser Teil davon spiegelt sich im Strafbuch des
Bubenhauses wider. In der Kladde, deren offizieller Name
„Erziehungsmaßnahmenbuch“ lautete, trugen ab und zu die Erzieher
für ihren Direktor ein, wen sie wie und warum bestraften. Göschel
zeichnete allerdings oft erst Wochen später ab. Es sollte ihm wohl
zur Entlastung dienen, dieses Buch, dafür dass nur ein Bruchteil der
alltäglichen Bestrafungen zudem oft verharmlost, Zitat: „zwei
Schläge mit der Hand auf die Schulter“ eingetragen wurde, ist die
Kladde dennoch aufschlussreich. Ganz offen steht dort zwischen 1963
und 1970 unter Erziehungsmaßnahme nicht nur das Wort „Schläge“,
sondern auch ein „paar Schläge mit dem Stock“ oder
„Essensentzug“, „Ohrfeigen“. Für „Ungehorsam beim
Kirchgang“ gab es „Besinnungszimmer“. Für „Entweichen aus
der Kirche“ während des Gottesdienstes „Ersatz der Hauptmahlzeit
durch Brot“. Weil er „die Stadtmauer überklettert“ hatte,
musste ein Junge den „Tagesraum bohnern“. Auf einen „Diebstahl
von Apfelsinen“ in der Küche, „hartnäckiges Leugnen“, folgten
„vier Ohrfeigen“. Wegen „anhaltender Unsauberkeit und
Unordnung“ gab es „zwei leichte Schläge auf das Gesäß“. Im
Februar 1968 verpasste eine Erzieherin mit einem Kleiderbügel
mehrere Schläge auf das Gesäß eines Jungen, weil er sich beim
Spielen im Wald von der Gruppe entfernt hatte. All diese Schläge
waren natürlich auch gesetzlich verboten, trotzdem wurde es sogar in
dieses offizielle Strafbuch eingetragen. Die Kinder im Kalmenhof
waren den Erziehern praktisch wehrlos ausgeliefert. Sie hatten
ständig Angst. Viele hatten ständig Angst. Einige Erzieher,
berichtet Volker und andere ehemalige Heimkinder, missbrauchten ihre
Zöglinge auch sexuell sowohl im Buben- als auch im Mädchenhaus. Die
Kinder erzählten es vor lauter Angst und Scham nicht weiter. Dennoch
ließen sich solche Vorkommnisse auf Dauer nicht verbergen. Die
Kinder wussten, wie es in den beiden Häusern zuging. Doch keiner
traute sich etwas dagegen zu unternehmen. Zwar gab es immer Versuche,
den Direktor zu informieren, aber es schien sinnlos. Die Erzieher
hatten die Kinder in der Hand. Zu ihrem perfiden System gehörte
auch, dass sie einige ältere Jugendliche zu Hilfsaufpassern
bestimmten. Diese waren dann genauso brutal zu den jüngeren und
schwächeren Kindern wie ihre Erzieher. Von denen hatten sie es ja
gelernt. Ab und zu machte Direktor Göschel einen Rundgang durch den
Kalmenhof. Dann erschien er auch im Bubenhaus, trat zu den Kindern,
klatschte in die Hände und seine Begleiter warfen Bonbons in den
Raum auf den Fußboden. Die Kinder stürzten sich auf die Süßigkeiten
und balgten sich um sie. Der Direktor amüsierte sich, lachte laut
und ging wieder weiter in die andere Gruppe, wo er sein Spiel
wiederholte. Irgendwann begann Volker alles im Heim zu hassen. Und
weil er den Hass auf den Direktor und die Erzieher nicht direkt
loswerden konnte, hasste er jeden Baum, jede Stein, jeden Schemel,
jeden Schrank, jede Türklinke, einfach jeden Gegenstand, der
irgendwie mit dem Heim zu tun hatte. Und er reagierte auch an diesen
Gegenständen seinen Hass ab. Er machte kaputt, was ihm in die Hände
kam. Bis hin zu den Reifen am Auto des Direktors. Dem berüchtigten
schwarzen Mercedes. Davon konnten ihn auch die drakonischsten Strafen
nicht abhalten.
Eine
Elfriede Schreyer war 1943 Waise geworden. Ihre Eltern bei einem
Luftangriff in Kassel ums Lebens gekommen. Die 12-jährige kam über
einige Zwischenstationen nach Idstein. Weil sie kaum sprach, erhielt
sie in ihrer Fürsorgeakte den Vermerk „angeborener Schwachsinn“.
Das bedeutete im Kalmenhof damals in der Regel den sicheren Tod. Denn
in der Krankenstation des Fürsorgeheims nur ein paar Meter vom
Bubenhaus entfernt in der sogenannten Kinderfachabteilung wurden
Ballastexistenzen, Kinder die als unnütze Esser bezeichnet wurden
und deren Leben als lebensunwert galt, systematisch ausgerottet. Wie
in anderen Heimen in ganz Deutschland hatten sich Leitung und
Personal des Kalmenhofes zunächst an der Selektion für die
Zwangssterilisierung solcher Kinder beteiligt und seit 1941 unter dem
stellvertretenden Heimdirektor Wilhelm Großmann diente der Kalmenhof
aber auch als Zwischenlager für die Transporte nach Hadamar, dem
hessischen Vernichtungslager, in dem die Opfer des
nationalsozialistischen Euthanasieprogrammes vergast oder zu Tode
gespritzt wurden.
Ich
hab gestern einen der letzten drei noch lebenden Leute gesprochen,
die in der Zeit bis 1945 hier im Heim im Kalmenhof gearbeitet haben.
Er hat mir das noch mal erzählt, wie er selbst gesehen hat, wie die
Busse hier vor dem Haupteingang vorgefahren sind mit den zugehängten
Vorhängen. Die Busse der GEKRAT – mit dem schönen Namen
„Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft“ - sie brachten
ständig Nachschub. Sie luden „aussortierte“ Kinder für die
angebliche „Kinderfachstation“ im Kalmenhof aus und nahmen für
Hadamar bestimmt Kinder mit. Er herrschte im Kalmenhof laut
Heimdirektor Großmann ein „Kommen und Gehen“. Ich hab mit
Großmann natürlich nicht gesprochen, der ist tot. Das „Kommen und
Gehen“ steht in den Prozessakten des Kalmenhof-Prozesses.
Oft
fuhren zwei bis drei Busse mit jeweils 30 Kinder und Jugendlichen
gleichzeitig im Kalmenhof vor. Manchmal kamen Transporte mit 100
Personen auch am Bahnhof Idstein an. Das Treiben blieb im Ort nicht
verborgen. Viele Idsteiner wussten schon bald, worum es ging,
berichten Zeitzeugen. Die Erzieher mussten sämtliche Akten,
Wertgegenstände und Geld der Zöglinge mit auf den Transport geben.
Sie registrierten auch, dass nur wenige Tage nach der Abfahrt der
Zöglinge deren Kleidung aus Hadamar als nicht länger benötigt
zurück kam. Als zur Jahreswende 1942 die Transporte nach Hadamar
vorübergehend eingestellt wurden, lief die Tötungsmaschinerie auch
im Kalmenhof selbst an. Ärzte und Schwestern der
Kinderfachabteilung, es waren eigentlich nur zwei Schwestern, die
Schwester Maria und die Ärztin Frau Dr. Weber und noch eine andere
Schwester, diese Kinderfachabteilung brachten von 1941 bis zum Einzug
der Amerikaner in Idstein im März 1945 wahrscheinlich 1000 Kinder
und Jugendliche um. Die meisten waren kaum älter als 15 Jahre. Genau
zu dieser Zeit war Elfriede Schreyer als junges Mädchen ins
Idsteiner Heim gekommen. Da sie arbeiten konnte, musste sie wie die
anderen damals noch rund 400 Heimzöglinge überall mit anpacken.
Kurz vor ihrem 14. Geburtstag kam sie mit Fieber auf die
Krankenstation. Alle im Heim wussten, dass man die Krankenstation
eigentlich nicht mehr lebend verlässt. Sie lag dort einige Wochen
und wunderte sich, dass morgens, wenn sie aufwachte, viele der
anderen Betten um sie herum leer waren. Das Gift mit dem die Kinder
ermordet wurden, kam aus einer Apotheke in Idstein. Es waren
Luminaltabletten und Morphiumspritzen. Das Rezept stellte die Ärztin
aus. Die Angehörigen erhielten meist die knappe Mitteilung:
„plötzlich verstorben, Beerdigung konnte nicht aufgeschoben
werden“.
An
die Heidelberger Universitätsnervenklinik, an der Untersuchungen an
asozialen Gehirnen vorgenommen wurden, schickte der Kalmenhof
heimlich die Gehirne einiger Asozialer. Das steht in dem Buch von
Prof. Schrapper, „Die Idee der Bildbarkeit“, das es leider kaum
noch gibt und das unbedingt wieder gedruckt werden sollte.
Als
die Heimärztin Mathilde Weber zu einer 6-wöchigen Fortbildung nach
Heidelberg fuhr, sank die Zahl der toten Kinder fast auf Null.
Interessant ist, was bei dieser Fortbildung der Kalmenhof-Ärztin
geschah. Es wurde mit Elektroschocks und Darminfektionen an lebenden
Menschen in Heidelberg experimentiert. Einige Patienten starben daran
noch während des Kurses. Das Ziel dieser Elektroschockversuche war,
ein therapeutisches Koma bei widerspenstigen Fürsorgezöglingen
einzuführen. Der Kalmenhof erhielt sogar ein solches
Elektroschockgerät, von dem ich gehört habe, dass es in den 50er
Jahren noch da gewesen sein soll. Elfriede Schreyer, die nach dem
Krieg noch mehr als Jahrzehnte bis 1970 im Heim bliebt, hatte Glück.
Die Todesärztin Weber erkrankte selbst an Tuberkulose. Die Tötungen
wurden ausgesetzt. Elfriede kam zurück ins Mädchenhaus. Sie
überlebte auch, weil sie sich nützlich machte und gebraucht wurde.
Sie arbeitete in der Hauptküche, schälte Kartoffeln, bereitete das
Essen vor. Im schwarzen Kleide mit weißer Schürze und Häubchen
bediente sie im Heimkasino, so hieß damals der Sternensaal, die
hohen Herren des Kalmenhofes, Offiziere der SS und Idsteiner Nazis.
Neun Monate vor Kriegsende, im Sommer 1944 übernahm der Arzt Hermann
Wessel die Nachfolge der erkrankten Ärztin. Da sie ihm jedoch kaum
noch angelieferte Delinquenten hinterlassen hat und Transporte aus
Berlin nicht mehr kamen, suchte der Nachfolger nach möglichen
Ballastexistenzen direkt im Kalmenhof. Dabei hatte er im
stellvertretenden Heimdirektor Großmann einen willigen Verbündeten.
Der forderte seine Erzieher und Werkstättenleiter auf, Listen von
Bettnässern anzufertigen. Anschließend schickte Großmann diese
Zöglinge zur Station Wessels.
Im
Kalmenhof wurden damals auch als asozial und widerspenstig geltende
Fürsorgezöglinge getötet. Fürsorgezöglinge. Besonders solche,
die wiederholt aus Heimen geflohen waren oder als „unbildbare,
arbeitsscheue Zöglinge“ galten.
Heute
Morgen las ich in der Zeitung übrigens in Berichten einen Begriff
der sich immer mehr breit in unseren Medien macht, die sogenannten
„bildungsfernen Schichten“. Irgendwie muss man über so einen
Begriff nachdenken, wenn man den heute so stark in der
Öffentlichkeit verwendet, er wird immer mehr im Zusammenhang mit
Intensivtätern und problematischen Jugendlichen verwendet, dieser
Begriff “bildungsferne Schichten“. Damals ging es um die
„unbildbaren Zöglinge“.
In
einigen Fällen sind die Akten der im Kalmenhof Umgebrachten noch
erhalten, z. B. vom 16-jährigen Georg Rettich, der wegen
Arbeitsbummelei eingewiesen worden war. Der kerngesunde Jugendliche
wurde nach mehreren Fluchtversuchen aus dem Bubenhaus in die
Kinderfachabteilung geholt und im Dezember 1944 ermordet. In einem
anderen Fall war die 17-jährige sehr gut aussehende Ruth
Pappenheimer als „asozial“ bzw. „charakterlich abartig“
eingestuft worden und man gab ihr eine Morphiumspritze, an der sie
starb. Sie liegt dort, wo auch die anderen liegen, auf dem Gelände
des Kalmenhofes.
Fürsorgezögling
Karl-Heinz Zeil, 15 Jahre, war ein Schulschwänzer und kam wegen
Arbeitsbummelei zur Strafenerziehung in den Kalmenhof. Im Oktober und
November 1944 versuchte er drei Mal aus dem Idsteiner Kalmenhof zu
seinen Eltern in seinen Geburtsort Langendernbach zu fliehen. Nach
seinem dritten Fluchtversuch forderte der dortige Bürgermeister vom
zuständigen Jugendamt Limburg „sehr strenge Maßnahmen“. Der
Brief liegt schriftlich vor. Zwei Tage später, am 24. November 1944
meldete der Kalmenhof, „der Zögling Karl-Heinz Zeil ist heute in
unserer Anstalt gestorben“. Seinen Eltern gelang es, den Sarg mit
ihrem toten Sohn aus dem Kalmenhof herauszuholen. Sie haben ihn mit
nach Hause genommen und dort geöffnet. De Eltern waren wegen der
Todesursache „Kreislaufschwäche“ misstrauisch geworden und
erschraken, als sie den Sarg im Beisein von Zeugen zu Hause öffneten.
Ihr Brief an das Jugendamt Limburg ist in den Akten voll erhalten, da
steht drin: „seine Haare sind kurz geschoren, an der linken
Halsschlagader ein Einstich, anscheinend von einer Spritze
herrührend. Der ganze Körper war blutunterlaufen und mit dicken
Striemen bedeckt. Die Hoden waren geplatzt. Es war offensichtlich,
dass der Junge zu Tode geschlagen war“. In den Taschen fanden die
Eltern den letzten Brief ihres Sohnes. „Liebe Mutter, sie sind
gegangen und haben mich wieder eingesperrt. Aber ich gehe wieder
meine Wege. Ich bleibe nicht hier im Kalmenhof. Komm und hole mich.
Liebe Mami, mach“.
Im
Kalmenhof wurden Kinder mit Ochsenziemern zusammengeschlagen. Darüber
hatte sich auch dieser 15-jährige in einem heimlich verschickten
Brief 10 Tage nach seiner Einweisung schon beschwert. Die lederharten
Streifen wurden in der heimeigenen Schlachterei aus getrockneten
Penissen der Ochsen hergestellt. Bis weit in die 60er Jahre benutzt.
Ich glaub, hier sitzen einige im Saal, die das noch kennen gelernt
haben.
Um
die hohe Zahl von Beerdigungen kostengünstig und nicht allzu
auffällig durchzuführen, wurde in unmittelbarer Nähe des
Krankenhauses mitten im Kalmenhof auf einem Unkrautacker gleich
hinter der Heimschule ein Massengrab angelegt. Dort wurden die Opfer
aus der Kinderfachabteilung in mehreren Schichten übereinander
begraben.
Erst
der Einmarsch der Amerikaner im März 1945 machte dem Morden im
Kalmenhof ein Ende. Das Töten der Ballastexistenzen wurde gestoppt.
Die wichtigsten Beteiligten verhaftet, aber der Ungeist der NS-Zeit
und der Erziehung lebte noch lange weiter. Elfriede Schreyer musste
auch nach der Befreiung im Kalmenhof bleiben. Sie wird stets
Überwachung und Führung nötig haben, heißt es 1946 in einem
Akteneintrag über sie. Später, nachdem sie als 20-jährige Anfang
der 50er Jahre erstmals Mutter geworden war, wurde ihr „sexuelle
Triebhaftigkeit“ unterstellt. Sie selbst versprach sich von einem
Mann endlich aus dem Heim herausgeheiratet zu werden. Wahrscheinlich
wurde die traumatisierte junge Frau von Erziehern im Heim
geschwängert. Mehrmals versuchte sie zu fliehen. An die Schläge mit
dem Rohrstock, wenn sie gefasst wurde, konnte sie sich noch gut
erinnern. Eine Schule durfte sie nie besuchen. Viele der alten
Erzieher und Angestellten im Kalmenhof blieben teils bis in die 60er
Jahre dort weiter beschäftigt. Gestern erzählte mir der inzwischen
91-jährige Erzieher Fritz Kirsch, der 14 Tage nach dem Einmarsch der
Amerikaner in Idstein selbst verhaftet und verhört wurde, dass ein
Erzieher, der nach seiner Ansicht direkt an der Euthanasie beteiligt
gewesen war, noch lange im Kalmenhof beschäftigt war und unbehelligt
blieb. Das müsste man noch genauer nachprüfen.
1956
brachte Elfriede ihren Sohn Heinz zur Welt. Sie gab ihn trotz Druck
nicht zur Adoption frei. So kam er wie seine beiden Geschwister
direkt nach der Geburt in ein Säuglingsheim nahe Idstein. In den
Fürsorgeakten steht, dass „der Sohn der schwachsinnigen Elfriede
auch selbst schwachsinnig“ aussehe und daher „nicht von einer
Pflegefamilie akzeptiert“ werden könne. 1957 wurde Elfriede unter
ungeklärten Umständen sterilisiert. 1957!! In den ersten 11
Lebensjahren sah Heinz seine Mutter nur bei einem einzigen Besuch im
Kalmenhof. Erst 1967 ließ man ihn zu ihr. Heinz wurde ins Bubenhaus
eingewiesen. Gruppe zwei im zweiten Stock. Nun war er zwar in
Elfriedes Nähe, aber in den ersten Wochen bekam der Sohn seine
Mutter kaum zu Gesicht. Die Kalmenhof-Dienstmagd arbeitete außer in
der Küche und der Wäscherei in einer Bäckerei in Idstein,
ebenfalls ohne echten Lohn. Zudem putzte sie bei Angestellten,
Lehrern, Direktoren des Kalmenhofes. Sie hat in den Jahren der
Euthanasie gelernt, dass ihr nichts geschah, solange sie eben
arbeitete. Heinz sah seine Mutter nur, wenn sie ihn bei den
Mahlzeiten im Speisesaal bediente. Der 12-jährige stand in der
Hierarchie der Bubenhauses recht weit unten. Er und seine Mutter
galten als der letzte Dreck bei den Erziehern. Heinz wurde von ihnen
Bastard gerufen und selbst die anderen Kinder tuschelten und
stichelten. Das Leben im Heim war unerträglich für ihn, doch
abhauen konnte er nicht. Zu wem auch. Seine Mutter war wie er ja im
selben Heim. Heinz und Elfriede Schreyer mussten sich manches Mal
Sprüche anhören wie „dich haben sie wohl vergessen, zu vergasen“.
Auf dem zum Kalmenhof gehörigen Hof Gassenbach hatten zwei der
besonders brutalen Erzieher alte Nazi-Tätowierungen. Einer brüstete
sich ständig offen mit seiner Zeit bei der SS. Heinz-Peter Junge
erlebte öfter wie sie besonders grausam und ohne jegliches
Verständnis für ihre Lage behinderte Kinder als Krüppel
verspotteten und züchtigten, wenn sie auf dem Kartoffelacker bei der
Ernte nicht mithalten konnten. Einmal ging er dazwischen, als er sah,
wie ein Erzieher mit einem Keilriemen nach den Behinderten schlug. Er
bekam den harten Riemen selbst mehrfach über sein Gesicht gezogen.
Ein anderes Mal war ein langer Nagel in dem Brett, mit dem der selbe
Erzieher wegen Arbeitsverweigerung nach Junge schlug. Die Spitze grub
sich tief in seinen Rücken, die Umstehenden hatten Mühe Heinz-Peter
damals abzuhalten, selbst zum Täter zu werden. Er hatte den Erzieher
mit dem Kopf schon fest in den Misthaufen gedrückt. In den 60er
Jahren achtete Direktor Göschel wie schon sein Vorgänger Ernst
Illge in den 50er Jahren stets darauf, nur harte Kerle einzustellen.
Göschel hielt auch die Erzieher an, mit aller Härte durchzugreifen.
Eine Abrechnung mit der Ideologie und Pädagogik der Nazi-Zeit fand
im Kalmenhof damals nicht statt. Dazu trug auch das Schweigekartell
der Bürger vor Ort bei. Die Idsteiner sorgten dafür, dass die
Massenmorde an wehrlosen Kindern und Jugendlichen rasch vergessen
wurden. Fast alle Beteiligten an den Verbrechen im Kalmenhof blieben
ohne nennenswerte Bestrafung und lebten zum größten Teil in Idstein
weiter, als wäre nichts gewesen. Zwar wurden Heimdirektor Großmann
und die beiden Ärzte Weber und Wessel 1947 zum Tode verurteilt, doch
wurden in den 50-er Jahren die Urteile in Gefängnisstrafen
umgewandelt und alle Verurteilten kamen, bis auf Wessel, vollends
frei.
Die
Idsteiner Bevölkerung unterstützte aktiv eine Revision der
Gerichtsurteile für den Direktor des Kalmenhofes und die Ärztin
Weber, Ehegattin eines angesehenen Idsteiner praktischen Arztes, der
übrigens als Stabsarzt auch im Krankenhaus im Lazarett im Kalmenhof
tätig war. Es seien doch „stets charaktervolle und wohltätige
Mitbürger“ gewesen, hieß es. „Jeder hier weiß“, das ist
jetzt ein wörtliches Zitat aus der Petition der Idsteiner Bürger
„jeder hier weiß, mit welchem Pflichtgefühl und welche Liebe sich
Frau Dr. Weber für die ihr anvertrauten Pfleglinge und Patienten
eingesetzt und aufgeopfert hat“. In den schmucken Gassen des durch
den Krieg kaum in Mitleidenschaft gezogenen Fachwerkstädtchens
wurden dafür sogar 600 Unterschriften gesammelt. Ein Pfarrer, ich
glaube ein evangelischer Pfarrer, forderte ebenso die Revision wie
die Bürgervertretung Idsteins. Frau Dr. Weber lebte bis zu ihrem Tod
hier in Idstein. Man sah sie bis vor einigen Jahren, wenn sie durch
die Fußgängerzone zu ihrem Mietshaus ging. Der ursprünglich zum
Tode verurteilte Direktor Großmann kam noch 1970 als angesehener
Mann in den Kalmenhof, um seine Beihilfeanträge als ehemaliger
Staatsdiener einzureichen. Im Kalmenhof sprach niemand über die
Vergangenheit. Auf dem Massengrab wucherte Unkraut. Ein paar
Obstbäume wurden gepflanzt. Der neue Direktor der Heimschule ließ
Anfang der 60-er Jahre einen Schulgarten errichten. Heinz Schreyer
erinnert sich noch Salat, Radieschen und Mohrrüben, die in den
kleinen Beeten in der Nähe des Massengrabes von ihm und anderen
Mitschülern geerntet wurden. Die junge Psychologin Gertrud Zovkic,
die zur Jahreswende 1966/67 im Kalmenhof ihre Arbeit aufnahm,
entsetzte sich über die Zustände, die sie vorfand. Sie lernte dort
„vollkommen unfähige Erzieher und mittelalterliche Zustände“
kennen und prangerte 1969 dann auch öffentlich die „autoritären
und demagogischen Praktiken“ des damaligen Kalmenhof-Direktors
Göschel an, „denn die Prügelstrafe ist im Kalmenhof noch immer
System“, schrieb sie damals. Einige der von ihr als militaristisch
kritisierten Erzieher hatten zu ihrem Entsetzen mehrere Zöglinge als
Prügelgarde eingesetzt, die renitente Heiminsassen zusammenschlug.
Vor dem Wiesbadener Schöffengericht mussten sich später insgesamt
fünf Erzieher wegen Misshandlung Schutzbefohlener verantworten.
Einer verteidigte sich mit der Bemerkung „Ohrfeigen hat es bei uns
doch oft gegeben, da war doch nichts besonderes dran“. Darüber hat
die Frankfurter Rundschau damals groß berichtete. Die Erzieher sind
auch mit Foto und Namen in diesem Artikel gezeigt und genannt.
Das
Ende vom Lied – ich kürz das mal ab – es gab Geldstrafen, 60 DM
und 100 DM. Dabei hatte einer der Erzieher vor Gericht berichtet,
durch eine Ohrfeige habe ein Zögling einen Trommelfellriss erlitten.
Und ein vom Schreiner zum Kalmenhof-Erzieher aufgestiegener Mann
hatte vor Gericht sogar gestanden, „ich hab auch schon mal mit dem
Stuhlbein geschwungen“. So war das im Kalmenhof in den 60-er
Jahren. Der Prozess war 1971. Die Psychologin Zovkic setzte sich auch
für das Ende des Schlachtbetriebes ein sowie dafür, dass Elfriede
Schreyer nach beinahe drei Jahrzehnten den Kalmenhof endlich
verlassen dürfte.
Es
war jedoch so: diese Aufklärung, diese Aktivitäten brachten der
Frau Zovkic jede Menge Ärger ein, nicht nur mit den Erziehern,
sondern auch mit Idsteiner Bürgern und vor allem mit der Kasseler
Zentrale des Landeswohlfahrtsverbandes. 1970 musste nicht Direktor
Göschel, sondern zuerst die „Nestbeschmutzerin“ Zovkic gehen.
Der Landeswohlfahrtsverband holte Göschel dann in seine
Hauptverwaltung nach Kassel. Die meisten Erzieher, das stellte Karl
Reitinger, der spätere Nachfolger Göschels 1972 bei seinem
Amtsantritt fest, waren ohne entsprechende Qualifikation auf die
Kinder losgelassen worden. Von 90 Angestellten im Gruppendienst
hatten nur vier, man stelle sich das einmal vor: vier von 90, eine
echte pädagogische Ausbildung. Es dauerte jedoch noch lange, bis der
neue Direktor hinter alle Geheimnisse des Erziehungsheimes kam, denn
1978, zum 90-jährigen Bestehen hatte er sich unter Mitarbeitern über
die Geschichte des Hauses erkundigt und auf Grundlage dieser
Informationen hielt er dann vor 150 Gästen und Angestellten eine
Rede im Sternensaal des Hauptgebäudes, mit dem er unbewusst die
Legenden um die Vergangenheit des Heims weiterspann. Wörtliches
Zitat – ich weiß nicht, ob Herr Reitinger hier ist – „Bevor
ich mit einem großen Sprung an die Gegenwart anknüpfe, möchte ich
jedoch einer Frage nicht ausweichen, die oft gestellt wird: Wurden in
der Hitlerzeit im Rahmen des sogenannten Euthanasieprogramms im
Kalmenhof Menschen umgebracht? Diese Frage kann mit einem klaren Nein
beantwortet werden.“ Keiner der Festgäste erhob Einspruch. Unter
ihnen waren aber viele, die es besser wussten. Erst als Anfang der
80er Jahre Idsteiner Schüler eine Studienreise mit der Aktion
Sühnezeichen nach Auschwitz machten, brachte ein junger Pfarrer den
Verdacht mit, dass im Kalmenhof Kinder umgebracht worden seien. Ein
Auschwitz-Überlebender hatte den Kindern gesagt: „Ihr seid doch
aus Idstein, wisst ihr eigentlich, dass bei Euch im Kalmenhof Kinder
umgebracht worden sind?“