HÜNFELD Zeitung Regional Presse
Ein außergewöhnlicher Referent ist kürzlich in der Konrad-Zuse-Schule zu
Gast gewesen: Das ehemalige Heimkind Heinz Schreyer berichtete den
Oberstufenschülern von seinen Erlebnissen in einem Erziehungsheim.
Großes Interesse, aber auch Bestürzung und Fassungslosigkeit machten
sich dabei unter den Schülern breit. Der hagere Mann mit der markanten
Brille streckt seine Hände nach vorn und zeigt den Schülern, wie er und
die anderen „Zöglinge“ damals im Erziehungsheim des
Landeswohlfahrtsverbandes Kalmenhof mit dem Rohrstock auf die Finger
geschlagen wurden. Ein Raunen und Zischen geht durch die Menge, die
jungen Frauen und Männer scheinen mitzuempfinden, wie Heinz Schreyer
gelitten haben muss. Der heute 56-Jährige verbrachte 27 Jahre seines
Lebens in verschiedenen Heimen – die schlimmsten Erfahrungen durchlebte
er ab 1967 im Erziehungsheim Kalmenhof in Idstein. Prügel,
Erniedrigungen und Kinderarbeit seien hier an der Tagesordnung gewesen,
sagt Schreyer. Auch seine Mutter lebte lange Zeit dort. Im Alter von
zwölf Jahren wurde sie in das Heim gebracht, wo bei ihr „mittlerer
Schwachsinn“ diagnostiziert worden sei. Von nun an habe man sie wie Vieh
behandelt. Ihre drei Kinder nahm man ihr nach der Geburt weg, jeglicher
Kontakt wurde untersagt. So wuchs Heinz Schreyer als Einzelkämpfer auf –
ohne familiäre Bindungen und Bezugspersonen. „Wenn ich abends ins Bett
gehe und das Licht ausschalte, bin ich ganz alleine“, beschreibt er die
Spätfolgen und erzählt, dass die Bilder der Misshandlungen manchmal
wieder hoch kämen. Dann erinnere er sich an die Schläge, wenn er sich
beim allgemeinen Duschen oder Schlafen nicht unterordnen wollte. Als
„schwarze Pädagogik“ würden diese Erziehungsmethoden heute bezeichnet.
„Das ist schon wirklich krass, was sich damals in den Erziehungsheimen
abgespielt hat“, kommentiert die Fachoberschülerin Birte Papenguth die
Schilderungen des ehemaligen Heimkindes.
Anpassung war nicht einfach
Heute habe er die Vergangenheit hinter sich gelassen, sagt der gelernte
Maler. Es sei aber schwer gewesen, sich nach der Zeit im Heim an die
„Welt da draußen“ anzupassen, da er ein Leben außerhalb nie
kennengelernt habe. Zu seiner Mutter habe er bis dato kein normales
Verhältnis. Erst nach 40 Jahren sei es ihm ein einziges Mal gelungen,
sie in den Arm zu nehmen, antwortet er auf die Frage einer Schülerin,
wie er denn heute zu seiner Familie stehe. Seinen Vater habe er noch nie
gesehen. Mittlerweile ist Schreyer verheiratet und zweifacher
Familienvater. Sein Sohn leidet an einer geistigen Behinderung, weswegen
Sozialpädagogen der Familie empfohlen haben, den Jungen in einem
Internat unterzubringen. Familie Schreyer lehnte jedoch ab. „Manchmal
kommt es mir so vor, als ob sich meine Geschichte in einer anderen Zeit
mit meinem Sohn wiederholt“, beschreibt der 56-Jährige seine
Empfindungen. Auf die Frage einer Lehrerin, warum er den Schülern seine
Geschichte erzähle, antwortet Heinz Schreyer: „Ich möchte vor allem
junge Menschen dazu bewegen, immer mit Güte und viel Menschlichkeit zu
handeln.“ Er wäre gerne Superman, könne aber nur einen winzig kleinen
Teil zu einer besseren Welt beitragen. Dass sein Vortrag beim Publikum
großen Anklang fand, zeigte der Schlussapplaus.
Von unserer Mitarbeiterin
Marie-Theres Schindler
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Es ist schon ein erhebenes Gefühl, das richtige zu machen und wenn es
bei den Zuhörer so einen guten Anklang findet, muss man einfach weiter
machen.
Misshandelt im Heim
Heinz Schreyer sprach in der Adolf-Reichwein-Schule über sein Schicksal
Heinz Schreyer, ehemaliges Heimkind des Kalmenhofs in Idstein.
Jahrzehnte lang wurden in deutschen Heimen und
Internaten Kinder misshandelt, missbraucht und ausgebeutet. Eines dieser
Opfer ist Heinz Schreyer, der seine Kindheit in Heimen verbringen
musste, zuletzt im Idsteiner Kalmenhof.
Limburg. Über sein Schicksal sprach Heinz Schreyer vor Schülern der acht
Klassen der Fachschule für Sozialpädagogik und Heilerziehungspflege der
Adolf-Reichwein-Schule. Er war von Studienrat Thomas Fasel eingeladen
worden.
Schon die Mutter von Heinz Schreyer wurde als Kind auf Betreiben ihres
Stiefvaters in den Kalmenhof eingewiesen. Das war 1943. Nur mit viel
Glück überlebte sie die mörderischen Euthanasie-Programme der Nazis. Die
Etikettierung «mittlerer Schwachsinn» auf ihrer Akte wurde ohne
Überprüfung bis in die 70er Jahre hinein fortgeschrieben.
Sadistische Erzieher
Vier Kinder brachte Elfriede Schreyer während ihres Heimaufenthaltes zur
Welt. Die Väter sind unbekannt, wahrscheinlich wurde sie vergewaltigt.
Ein Sohn starb früh, die drei anderen Kinder, «Opfer in zweiter
Generation», lebten von Geburt an in Heimen. «Zusammen kommen wir auf 90
Jahre Heinaufenthalt», sagt der zweite Sohn, Heinz Schreyer, der heute
54 Jahre alt ist. Er kam nach der Unterbringung in einem kirchlichen
Heim im Alter von elf Jahren nach Idstein in den Kalmenhof. Seine Mutter
durfte er dort nicht sehen.
«Wir waren Dreck, wir waren nichts. Die Erzieher waren Sadisten,
Erniedrigung war das pädagogische Konzept. Da wehte noch der Geist der
Nazis», sagte Schreyer. Er berichtete von Zwangsarbeit auf dem Feld, von
Prügeln, wenn er die verlangten zwölf Kisten Möhren nicht geschafft
hatte, und von dem Erzieher mit Schäferhund, der die arbeitenden Kinder
bewachte. Mit dem Stock wurde auf die Fingerkuppen geschlagen, im Schnee
musste man stehen bis zum Umkippen.
Es gab ein dunkles Verlies im Keller, wo die Kinder zur Strafe bei
Wasser und Brot eingesperrt wurden. Sexueller Missbrauch,
Vergewaltigungen durch ältere Jungen waren an der Tagesordnung. Im
Duschraum war es ratsam, «immer mit dem Rücken zur Wand» zu stehen. Die
Erzieher duldeten die Übergriffe, sahen weg, nutzten sie als
Disziplinierungsmaßnahme. Sie selbst vergewaltigten nicht, das sagt
Schreyer ausdrücklich.
«Ich war der Bastard für die, ich habe geglaubt, dass ich nichts wert
bin, das wurde uns immer gesagt.» Schreyer galt als schwachsinnig, eine
mögliche frühe Adoption wurde deshalb nicht genehmigt, eingeschult wurde
er als geistig Behinderter.
Seelische Verletzungen
Liebe und Zuneigung lernte er nicht kennen, auch nicht, wie man sich im
Alltag zurechtfindet. Aber arbeiten, das konnte er. Mit 14 Jahren
siedelte er in ein Jugendwohnheim nach Frankfurt über, machte eine Lehre
als Maler und Lackierer, heiratete spät, bekam zwei Kinder.
Dabei sieht er durchaus «die Gefahr, als früheres Opfer selbst zum Täter
zu werden». Schreyer beschaffte sich im Kalmenhof die Akten seiner
Familie, stellte den Kontakt zu Mutter, Bruder und Schwester her,
schrieb seine Geschichte auf und ging damit an die Öffentlichkeit. «Es
ist wichtig, in die Zukunft zu sehen, aber man sollte sich immer vor
Augen halten, wie es früher war.» Heute sei alles anders, besser
geworden. Prügelnde Erzieher seien längst entlassen worden, Prügel nicht
mehr erlaubt, Regeln und Gesetze würden eingehalten, die Würde der
Kinder werde geachtet.
Den Reichwein-Schülern, die ihm gebannt zugehört hatten, beantwortete
Heinz Schreyer nach seinem Vortrag viele Fragen. Ja, es gebe noch
Kontakt mit einigen früheren Heimkindern, aber er habe generell wenige
Freunde, «Vertrauen ist schwer».
Die Mutter lebe in einem Altenheim, finanzielle Entschädigung für ihre
Zwangsarbeit habe sie nicht bekommen, genau so wenig wie er. Seine
seelischen Verletzungen habe er versucht, selbst zu therapieren, die
Musik von Neil Diamond half ihm dabei. «Aber manchmal, wenn das Licht
ausgeht, bin ich allein, dann kommen die Bilder zurück.»